Mittwoch, 13. Januar 2016

Textproduktionsunterricht

Der Deutschunterricht ist ein Gemischtwarenladen. Man liest (deutschsprachige) Literatur, beschäftigt sich mit Literaturgeschichte und sogenannten »Epochen«, man schreibt Aufsätze und Eröterungen und ähnliches, man lernt rhetorische Figuren kennen sowie grammatische Begriffe und Konzept. Schnittpunkte gibt es zum Fremdsprachenunterricht sowie zu Geschichts-, Kunst- und (in geringerem Maße) Musikunterricht. Diese Liste ist auch deshalb interessant, weil die Fächer recht unterschiedlich konzeptionalisiert sind. Während der Kunstunterricht sehr stark auf eigene Tätigkeit der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet ist, spielt dies im Musikunterricht eine weniger starke Rolle – und der Geschichtsunterricht schließlich ist frei von eigenem Tun; die Schülerinnen und Schüler reproduzieren lediglich Wissen und die geschichtlichen Einordnungen, die ihnen von den Schulbüchern und LehrerInnen vorgegeben werden. Warum es keinen klar abgegrenzten Unterricht der Musik- und Kunstgeschichte gibt, lässt sich zwar historisch, nicht aber systematisch erklären. Auch die Vielfalt des Deutschunterrichts hat historische Gründe. Aus systematischer Sicht spräche nichts dagegen, Literaturgeschichte separat zu unterrichten – und im Rahmen eines Literaturunterrichts Texte aus unterschiedlichen Epochen und Sprachräumen zu lesen. Würde man den Deutschunterricht derart zergliedern, könnte schließlich ein Fach übrigbreiben, in dem Schreiben unterrichtet wird, also die Fähigkeit, unterschiedliche Textformen für unterschiedliche Anlässe und Zielgruppen zu produzieren. Es ist immerhin nicht so ohne Weiteres verständlich, dass die Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht ständig malen, zeichnen und Skultpuren formen – im Deutschunterricht aber keine Gedichte schreiben.  

Dienstag, 30. Juni 2015

»Was ist eigentlich ein Buch?«

Dirk von Gehlen stellt in einem kurzen Beitrag ausdrücklich eine Frage, die in den Diskussionen rund um die sogenannten eBooks mehr oder weniger deutlich immer mitschwingt: »Was ist eigentlich ein Buch?« – und das ist eine gute Frage. Dass das, was da auf digitalen Lesegeräten angezeigt wird, ein Buch sein soll, ist wohl nur verständlich, solange man fest in einer Buchkultur verankert ist und solange auch viele der eBooks einfach nur ein digitaler Abklatsch der gedruckten Bücher sind. Man denkt sozusagen immer das gedruckte Buch mit, wenn man auf solche Weise Text liest; und dass die Lesegeräte eine mehr oder weniger ausgeprägte Ähnlichkeit mit gedruckten Büchern aufweisen, ist dabei sicherlich hilfreich. Dass dahinter eine lange und spannende Geschichte lauert, darauf verweist der erste Kommentar zu Dirk von Gehlens Artikel, in dem auf Ivan Illichs Buch »Im Weinberg des Textes« hingewiesen wird. [1] Dort steht Hugos von Sankt Viktor »Didascalicon« (aus dem frühen 12. Jahrhundert) im Zentrum, »das erste Buch«, so Illich, «das über die Kunst des Lesens geschrieben wurde« (13).

Illichs Überlegungen sind von Marshall McLuhan und dessen Nachdenken über die Gutenberg-Galaxis beeinflusst. Sein Thema beschreibt Illich folgendermaßen:

»Ich richte mein Augenmerk auf einen flüchtigen, aber dennoch sehr wichtigen Moment in der Geschichte des Alphabets: den Moment, als […] die Buchseite sich verwandelte; aus der Partitur für fromme Murmler wurde der optisch planmäßig gebaute Text für logisch Denkende.« (8)
 
Wenn Illich recht hat, dann ist die Veränderung, die er beschreibt, von ähnlicher Tragweite wie die Druck-Innovationen des Johannes Gutenberg. Und in beiden Fällen spielt die graphische Gestaltung der Buchseite und des gesamten Buches eine wichtige Rolle.

Damit wären wir dann auch schon wieder bei den heutigen eBook-Readern und den Formaten dieser Texte, die dazu führen, dass mehrere Jahrhunderte an typographischer Erfahrung und Kunst über Bord geworfen werden: Flattersatz, schlechte Worttrennung (wenn überhaupt), veränderbare Schriftgröße – all das ist mit guter Typographie nicht vereinbar. Aber die wachsende Zahl an eBook-Leserinnen und Leser scheint es nicht zu stören und es gibt ja, darauf weist Dirk von Gehlen hin, auch digitale Alternativen wie »spritz«, die sich vielleicht als Lesealternative anbieten – und die dann das traditionelle Buchlayout überflüssig machen. Wir werden sehen – hauptsache, wir geraden nicht in die »Standardsituationen der Technologiekritik«.

[1] Ivan Illich: Im Weinberg des Textes. Frankfurt am Main 1991.

Montag, 21. Juli 2014

Visualisierung VI

Und hier ist nun endlich der Überblick über die Titelblätter zwischen 1500 und 1600 mit jeweils fünf zufällig ausgewählten Titelblättern aus jedem Jahr:

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Einige Beobachtungen: Zu Beginn finden sich auf der jeweiligen Seite oft nur wenige Sätze, manchmal auch nur ein Satz oder eine Wortfolge. Das ist wenig verwunderlich: Elemente eines Titelblattes müssen sich erst herausbilden. Die lateinischen Bücher scheinen in dieser Hinsicht weiter (d.h. früher) zu sein als die deutschsprachigen. Ab 1515 steigt die Zahl der Titelblätter, bei denen der Text trichterförmig angeordnet ist; diese Layoutvariante etabliert sich zunehmend. Ebenfalls ab 1515 steigt die Zahl der Titelblätter mit zum Teil aufwendigen Rahmungen. Etwa ab den 1560er Jahren setzt sich ein festes Schema durch: Titel und Autorname oben; Druckername, Ort und Jahr unten; das Ganze mit trichterförmigem Text. Rahmen werden ab den 1570ern seltener und schlichter (typisch scheinen sie bei Disputationsdrucken zu sein).  

Samstag, 19. Juli 2014

VD16: 1500-1600

Die rote Linie zeigt die Gesamttreffer im VD 16; die grüne Linie zeigt die online verfügbaren Digitalisate:


Visualisierung V

So: Hier kommen nun endlich die Titelblätter der Jahre 1575-1600:

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Montag, 7. Juli 2014

Personalisierung der Bildschirme

Am 24. Januar dieses Jahres hat Dirk von Gehlen in einem kurzen Feuilleton-Artikel auf das Start-up »Spritz« hingewiesen, das eine Revolution des Lesens verspricht. Statt der bisher grundlegenden Lesetechnik, bei der Auge (und mitunter der ganze Körper) den Buchstaben und Zeilen folgt, kann nun das Auge ruhen, während sich der Text – Wort für Wort – vorwärts bewegt. Wichtig dabei ist, dass die Worte so »spritzen«, dass sie möglichst leicht und schnell erkannt werden. Der Entwickler hinter Spritz, so erzählt Gehlen, hat »herausgefunden, dass der optimale Lesepunkt je nach Wortlänge an unterschiedlichen Stellen liegt«; entsprechend werden die einzelnen Worte nun im Anzeigefeld positioniert. Die Schlussfolgerung Gehlens ist weitreichend: Texte, die auf eine solche Art und Weise angezeigt werden, sind »nicht mehr von den Optionen des Trägermediums Papier geprägt«, sondern gehorchen »den Bedinungen des Digitalen«.

Was diesen Blog anbelangt, stellt sich nun die Frage, was wir anhand von »Spritz« über »Textualität« lernen können. Ein Punkt scheint mir entscheidend zu sein: Wenn bei »Spritz« ein Text nicht mehr aus Zeilen, Spalten und all den visuellen Mitteln des Layouts besteht, sondern nur noch aus einem Strom von Worten, bei dem jedes neue Wort alle vorherigen ablöst, dann gehen die Formen des »Layouts« verloren, die seit Jahrtausenden an und mit Geschriebenem entwickelt wurden. Insofern ist es vielleicht auch gar nicht so sinnvoll, wenn sich Gehlen auf die »Optionen des Trägermediums Papier« beruft, denn eine visuelle Gestaltung von Textualität ist nicht nur mit Pergament und Papier möglich, sondern ebenso mit tausend anderen Materialien – und auch mit Bildschirmen. Software wie »Spritz« bildet nicht das Gegenstück zum Papier, sondern hat viel mit dem Bildschirm zu tun, insbesondere mit der Personalisierung von Bildschirmen, die wir seit einigen Jahren erleben.


Dienstag, 27. Mai 2014

Google-Books-Unbehagen

Während Bibliotheken sehr großen Aufwand treiben, um Bücher möglichst sorgfältig zu digitalisieren, hat Google von Anfang an auf Schnelligkeit und Masse gesetzt. Deshalb findet man auch, wenn man ein wenig durch die digitalisierten Bücher scrollt, ab und an schiefe Seiten oder auch Finger und Hände derjenigen, die an den Maschinen standen. Vor einiger Zeit haben es diese Körperteile der DigitalisierungsarbeiterInnen sogar in einen Artikel des renommierten New-Yorker-Magazins geschafft.

Da Google sowieso die meisten Bücher mehrmals scannt, wird man vermutlich versuchen, die Digitalisate nicht mehr anzuzeigen, in denen sich solche »Fehler« befinden. Aber selbst dann bleibt zumindest bei mir ein Bündel an Sorgen zurück, die mit den DigitalisierungsarbeiterInnen zu tun haben, die dort an Buchscanner stehen: Was, wenn Seiten überblättert wurden? Oder die Übertragung vom Scanner zum Computer nicht richtig funktioniert? Oder die Bilder der Seiten falsch angeordnet werden? Oder sich jemand einen großen Spaß macht und einfach verschiedene Bücher abwechselnd auf den Scanner legt?

Weil ich die immateriellen Bücher nicht mehr mit eigenen Händen und Augen kontrollieren kann, sondern durch die Hände derjenigen zu Gesicht bekommen, die an den Buchscanner stehen, ergreift mich ab und an ein Unbehagen, ein »Google-Books-Unbehagen«...