Sonntag, 8. Dezember 2013

Visualisierung I

Der Vortrag von Lev Manovich auf einer »Digital Humanities«-Konferenz in Hannover hat mich dazu gebracht, über Möglichkeiten der Visualisierung nachzudenken, die mit wenig Aufwand einhergehen. Eine Möglichkeit bieten »Wordclouds« und ähnliche Werkzeuge, mit deren Hilfe sich die Wortwahrscheinlichkeit von Texten darstellen lässt. Zwar werde ich den Eindruck nicht los, dass diese »Wordclouds« mittlerweile etwas aus der Mode gekommen sind, aber sei's drum. Hier ist der »Eneasroman« Heinrichs von Veldeke als »Wordcloud«:*


Besonders auffällig sind in diesem Bild natürlich vor allem die Worte, die häufig vorkommen. Deshalb hier eine »Wordcloud«, bei der ich einige häufig vorkommende Worte entfernt habe:

 
* Der Text stammt aus der Bibliotheca Augustana.

Mittwoch, 6. November 2013

Ernst Robert Curtius II

In meinem letzten Blogeintrag habe ich über Ernst Robert Curtius geschrieben und dessen Vergleich der Entwicklung der Literaturgeschichte zur Literaturwissenschaft mit der Tranformation der Kunstgeschichte in eine Kunstwissenschaft. Liest man etwas weiter, dann wird deutlich, dass Curtius das Buch und den Text weit höher gewichtet als Kunstwerke und deren Abbildungen. Bücher könne man jederzeit zur Hand nehmen, Kunstwerke müsse man besuchen (da sie durch Abbildungen nicht ersetzt werden könnten). Für die verstehende Lektüre von Texten brauche man die Philologie, »die ›Kunstwissenschaft‹« allerdings habes »es leichter. Sie arbeitet mit Bildern – und Lichtbildern. Da gibt es nichts Unverständliches.«*

Nun gibt es eine lange Tradition des Vergleichs von Bildern und Texten. Oft zitiert wird etwa die Aussage Gregors des Großen, der der Bilder als Literatur der Laien bezeichnete (»Pictura est litteratura laicorum«). Während diese Position den Bildern immerhin einen ganz bestimmten sozialen Ort zuweist und sie zu einer Art nachgeordneter Literatur erklärt, sind Überlegungen wie die von Curtius problematischer, weil sie starke Hierarchien einführen. Vielleicht sollte man versuchen, die Gemeinsamkeiten von Bild- und Textwissenschaft stärker hervorzuheben, indem man etwa die Bildlichkeit von Texten und die Textualität von Bildern betont – oder Text in Bildern und Bilder in Texten untersucht. 

* Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. 11. Aufl., Tübingen/Basel 1993, S. 24.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ernst Robert Curtius I

In seinem bekannten Buch »Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter«, das erstmals 1948 erschien, denkt Ernst Robert Curtius unter anderem über die (zu seiner Zeit) relativ neue Disziplin der »Literaturwissenschaft« nach. Diese, so Curtius, »will etwas anderes und Besseres sein als Literaturgeschichte (analog dem Verhältnis der ›Kunstwissenschaft‹ zur Kunstgeschichte)«.* Diese Äußerung aus der frühen Phase der Literaturwissenschaft ist nicht nur deshalb spannend, weil Curtius den unmittelbaren Vorläufer dieser jungen Disziplin benennt, sondern auch, weil er den Vergleich im Bereich der Kunst-Wissenschaften sucht. Wenn man nun davon ausgeht, dass eine Linie von der Kunstgeschichte über die Kunstwissenschaft zur Bildwissenschaft führt, dann ließe sich – ganz analog – auch eine Linie ziehen von der Literaturgeschichte, über die Literaturwissenschaft hin zur Textwissenschaft. Freilich bleiben zwei Probleme beziehungsweise Fragen: Wie passt die Philologie in dieses Schema? Und wie trennt man überhaupt zwischen Disziplinen, die sich auseinander entwickeln (wenn man überhaupt trennen will)?

* Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. 11. Aufl., Tübingen/Basel 1993, S. 21.

Mittwoch, 25. September 2013

Begriffsliste: binär

Wenn man eine »Historische Textwissenschaft« entwerfen will, muss man irgendwie mit all den Begriffen zurechtkommen, die für ein solches wissenschaftliches Feld relevant sein könnten. Hierzu gehören: Schrift, Sprache, Text, Bild, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Literarizität, Oralität, Lesen, Schreiben, Textualität, Skripturalität, Druckkultur, Handschriftenkultur, Typographie, Chirographie, Buch, Brief, Handschrift, Manuskript, Textträger und so weiter. Ein erster Schritt, um mit einer solchen Liste umgehen zu können, könnte darin bestehen, die Binarismen (die Gegensatzpaare) zu rekonstruieren, die zum Teil bis heute verwendet werden, um über dieses Feld zu sprechen. Die wichtigsten Binarismen dürften (soweit ich sehe) folgende sein: Mündlichkeit/Schriftlichkeit, Lesen/Schreiben, Druckkultur/Handschriftenkultur sowie Text/Bild.

Mit Hilfe des Gegensatzpaares Mündlichkeit/Schriftlichkeit hat man beispielsweise versucht, Gesellschaften mit keiner oder kaum praktizierter Schriftlichkeit von den (späteren) Gesellschaften zu unterscheiden, in denen (in steigendem Maß) gelesen und geschrieben wird. Bei der Differenz von Lesen und Schreiben liegt der Fokus oft auf sozialgeschichtlichen Entwicklungen, auf Alphabetisierungsraten, Zugang zu Geschriebenem oder auch Veränderungen in der Lese- und Schreibfähigkeit. Die strikte Unterscheidung zwischen Durck- und Handschriftenkultur ist zwar in der neueren Forschung sehr umstritten, gehört aber zu den erfolgreichsten Gegensatzpaaren, was man etwa daran sehen kann, dass Johannes Gutenberg 1998 von Journalisten zum »Man of the Millenium« gewählt wurde. Die Text/Bild-Differenz lässt sich zwar mindestens bis in das Mittelalter zurückverfolgen, gehört aber zu den jüngeren Binarismen. Die Digitalisierung, die es ermöglicht, vormoderne Schriftzeugnisse als Bilder zu betrachten, dürfte hierbei eine wichtige Rolle gespielt haben.  

Donnerstag, 22. August 2013

Lese- und Schreibökonomie

Colin Robinson, der in einem Beitrag für den »Guardian« ein zwölfmonatiges Schreibmoratorium vorschlägt, um endlich wieder Zeit für konzentriertes Lesen zu finden, macht auf spannende ökonomische Verschiebungen aufmerksam. Während das moderne Verlagssystem darauf setzt, dass in aller Regel die Leserinnen und Leser für das, was sie lesen wollen, bezahlen, gibt es mittlerweile mehr und mehr Autoren, die mit ihrem Geld die Publikation ihrer Texte finanzieren (und eventuell auch einige »Creative-Writing-Kurse«). Das wohl prominenteste Beispiel, das auch Robinson anspricht, findet sich in den Wissenschaften; viele Verlage verfolgen eine Open-Access-Strategie, die darauf hinausläuft, dass der Verlag soviel verdient wie zuvor, die Leser die Artikel umsonst lesen können und die AutorInnen (beziehungsweise die Institutionen, in denen sie arbeiten) für die Publikation bezahlen.

Diese Entwicklung ist spannend – aber Robinson macht noch auf eine weitere Verschiebung aufmerksam: »Newt Gingrich's ›earning by learning‹ scheme, which launched in Georgia back in 1990, gave students two dollars for every book they read.« Würde sich dieses Modell der Lohnarbeit des Lesens durchsetzen, dann hätte sich das Kernelement der modernen Verlagsökonomie erledigt.

Ob das so kommen wird, sei dahingestellt. Interessanter wäre es vielleicht, darüber nachzudenken, ob es nicht in der Vergangenheit ähnliche Verschiebungen in der Lese- und Schreibökonomie gab. Ich denke etwa an Widmungsexemplare von Büchern, die vor allem in der Frühen Neuzeit beispielsweise an einflussreiche und mächtige Personen geschickt wurden, um deren Gunst (und gegebenenfalls Geld) zu erhalten. Für das Mittelalter könnte man an den klösterlichen Austausch von Büchern denken, wenn etwa das Kloster A ein Buch des Klosters B leihen wollte und dafür diesem Kloster ein eigenes Buch zur Verfügung stellte. Interessant wären vielleicht auch Briefe von LeserInnen an Autorinnen und Autoren. In diesem Fall kann es passieren, dass die »Fans« ein Buch lesen, für das sie bezahlt haben und dass sie dann einen Brief schreiben, für dessen Transport sie bezahlen, um den Buchautor dazu zu bringen, das vom Leser Geschriebene zu lesen und gegebenenfalls mit einem vom Autor bezahlten Brief zu beantworten...

Montag, 29. Juli 2013

Mangelmedien etc.

Ein Blogbeitrag über das Ende der Mangelmedien erklärt das Problem papierbasierter Medien im 21. Jahrhundert unter anderem mit Blick auf die zeitliche und materielle Beschränktheit der »alten« Medien. »Der Teil von Print«, so heißt es,

»der sein Modell auf Mangel (an Zeit, an Papier etc) aufbaute, ist irrelevant geworden. Warum eine Auswahl alter Nachrichten auf Papier? Wofür sollen wir mittelfristig noch Zeitschriften brauchen, die durch lineares TV navigieren (siehe oben)?«

Dieser Blick auf die Transformationen von Schriftmedien hat durchaus Tradition: Auch bei dem Übergang von Pergament zu Papier, bei dem Übergang von der Schriftrolle zum Kodex und bei dem Übergang hin zum Druck mit beweglichen Lettern führt man oft (wenn auch nicht ausschließlich) das Argument des Mangels an. Uns so ist der Hinweis auf die Beschränktheit des Papiers ja auch gut nachzuvollziehen: Der Umfang einer papiernen Tageszeitung ist begrenzt und diese Begrenzung hat Auswirkungen auf die Form der Texte, die dort abgedruckt werden (während der Textraum des Internets schier unbegrenzten Speicher- und Präsentationsplatz bietet). Der Hinweis auf den Mangel an Zeit bezieht sich wohl nicht auf die beschränkte Zeit der LeserInnen, sondern auf die zeitlichen Beschränkungen bei der Produktion einer Tageszeitung – eine Beschränkung, die dazu führt, dass man »alte« Nachrichten liest.

Von Mängeln kann man in diesen Fällen freilich nur im Vergleich zu anderen »Medien« sprechen. Wenn das »etc« am Ende der Aufzählung eine Fortsetzbarkeit der Reihe verspricht, dann ist dabei wohl an bildschirmbasierte Geräte gedacht. Man könnte, will man die Liste fortsetzen, auf Fragen des Transports verweisen – eine Zeitung muss schließlich in dieser Hinsicht bestimmten Anforderungen genügen. Zu denken wäre wohl auch an einen Mangel an – wie soll man es nennen? – »visueller Mobilisierung«, denn einer Zeitung fehlen bewegte Bilder. Hinzu kommt ein Mangel an Interaktion und wohl auch ein Mangel an »Veränderbarkeit«, denn der Text der einmal gedruckten Zeitung lässt sich nicht mehr verändern. Gerade an diesem Beispiel kann man aber auch sehen, dass die Behebung der Mängel mit Mängeln einhergeht, denn die Stabilität des Drucks auf Papier ermöglicht – im Verbund mit archivierenden Institutionen – einheitliche Rezeption und Zitierbarkeit. Die Transformationen, die mit einem Mangel an Stabilität verbunden sind, dürften weitreichend sein und ich sehe nicht, dass man darüber bereits umfassend nachdenkt.

Sonntag, 28. Juli 2013

Dubletten

Der kurze Blogbeitrag von Karin Schamberger zum Thema »Dubletten« zeigt anschaulich, wie sich der Umgang mit historischen Büchern und damit auch das Verhältnis zu texttragenden Artefakten verändert hat. Während man noch vor nicht allzu langer Zeit Dubletten, also doppelt vorhandene Bücher, verkaufen konnte, geht die Entwicklung dahin, jedes Buch als einzigartiges Artefakt zu verstehen. Deshalb ist auch der Hinweis der »Altbestandskommission kirchlicher Bibliotheken«, den Karin Schamberger zitiert, sehr interessant:

»Textidentische Exemplare, die sich durch Einband, handschriftliche Einträge etc. unterscheiden, können nicht als Dublette bewertet und abgegeben werden«.

Abgesehen davon, dass gedruckte Bücher aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert einen gemessen an heutigen Verhältnisse geringeren Grad an Gleichheit aufweisen, reichen bei dieser Argumentation bereits geringe Benutzerspuren (oder deren Abwesenheit) aus, um »textidentische« Exemplare zu unterschiedlichen Exemplaren werden zu lassen. So gesehen dürfte das Modell der »Dublette« ausgedient haben.

Freitag, 5. Juli 2013

Überarbeitendes Schreiben

Dass die Dinge, die wir zum Schreiben benutzen, Auswirkungen auf das Geschriebene haben, wissen wir spätestens seit der Etablierung der Medienwissenschaft(en). Rüdiger Campe und Martin Stingelin etwa beschäftigen sich mit »Schreibszenen«, das heißt mit den Körpertechniken, Hilfsmitteln und sprachlichen Herausforderungen, die in den Akten des Schreibens wirksam werden. Friedrich Kittler hat auf die Tragweite der Schreibmaschine aufmerksam gemacht und Markus Krajewski erzählte die Geschichte der Karteikarte.[1] In diesen Bereich der Wechselwirkung verschiedener Techniken und Dinge dürfte auch die Geschichte des Revidierens und Korrigierens gehören. In einem eben erschienenen Buch, das ich bisher nur aus einer Rezension des Bosten Globe kenne, untersucht Hannah Sullivan diese Phase des überarbeitenden Schreibens.[2]

Das Potential dieser Fragestellung dürften viele derjenigen kennen, die die Möglichkeiten der computerisierten Textverarbeitung zu exzessiven Überarbeitungen nutzen; diejenigen, die immer wieder Textteile umstellen und/oder neu schreiben – im Wissen darum, dass sich jede Änderung rückgängig machen lässt, so dass man jederzeit zu einem früheren Textzustand zurückkehren kann. Was auf den ersten Blick wie eine Erleichterung wirken mag, kann leicht zu einer Bürde werden, wenn die beweglichen Texte nicht fertig werden, sich nicht stillstellen lassen.

Der Einfluss des Überarbeitens auf die Texte bietet bei einer historischen Perspektive die Möglichkeit, über die Widerständigkeit des zu beschreibenden Materials nachzudenken, über Techniken der Flexibilisierung von Texten und auch über Ansprüche an eine rhetorische, sprachliche oder auch narrative Perfektionierung. So gibt es etwa in der Antike und im Mittelalter angesichts von Wachstafeln die Möglichkeit, Texte zu revidieren, bevor sie ihren Weg auf das Pergament (oder auf andere Materialien) finden. Zudem ist das auf Pergament Geschriebene im Zuge des Abschreibens einem Prozess der Revision unterworfen. Dieser Prozess verteilt sich freilich auf unterschiedliche Personen und überspannt mitunter längere Zeiträume. Die Einführung des Buchdrucks dürfte dann ganz neue Möglichkeit der Überarbeitung bieten, zumindest dann, wenn beim komplexen Druckprozess mit all seinen Beteiligten für den Verfasser noch die Möglichkeit bleibt, größere Änderungen vorzunehmen. Der Widerstand hat sich in einer solchem Umgebung wohl verschoben, vom Material hin zur Technologie und zur Arbeit, die notwendig ist, wenn ein einmal gesetzter Text noch verändert werden soll.


[1] Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1985. Markus Krajewski: Zettelwirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. (copyrights 4) Berlin 2002.
[2] Hannah Sullivan: The work of revision. Harvard 2013.

Freitag, 21. Juni 2013

eVarianz

Ein Forschungsprojekt des »Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie«, über das im Börsenblatt und in verschiedenen Blogs berichtet wird, hat es in sich: Bei »SiDiM« (»Sichere Dokumente durch individuelle Markierung«) versucht man, in elektronischen Dokumenten automatisiert Textveränderungen vorzunehmen, um auf diese Weise das Dokument zu individualisieren, so dass es sich zweifelsfrei einer Person (also in der Regel einem Käufer) zuordnen lässt. Beispielsweise kann die Wortreihenfolge bei Aufzählungen verändert werden oder es wird ein negierendes Präfix (»unklar«) durch den Negationspartikel »nicht« ersetzt (»nicht klar«).

Abgesehen von der naheliegenden Kritik, dass damit die Texte nicht mehr zitierbar sind und dass sich auf diese Weise mitunter nicht nur Stil und Rhetorik, sondern auch die Bedeutung eines Textes ändern kann, würden wir uns mit einem solchen Vorgehen wieder der Handschriftenkultur annähern. Eine Handschriftenkultur (wie diejenige des europäischen Mittelalters) ist (in aller Regel) durch Varianz geprägt; beim Abschreiben von Handschriften werden Textänderungen vorgenommen: es werden zum Beispiel Abkürzungen eingefügt oder aufgelöst, die Schreibung wird auf die dem Schreiber gewohnten Konventionen umgestellt, dialektale Merkmale werden getilgt oder durch Merkmale eines anderen Dialekts ersetzt. Erst seit der Einführung des Buchdrucks wird es mehr und mehr möglich, eine Vielzahl sich sehr ähnlicher Texte zu produzieren, so dass eine größere Gruppe sich auf einen stabilen Text berufen kann. Dass man nun darüber nachdenkt, diesen Prozess der Stabilisierung umzukehren, ist zumindest bemerkenswert und sagt vielleicht auch etwas aus über die strukturelle Nähe elektronischer Kommunikation zur Handschriftenkultur des Mittelalters.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Botschafen ans Gehirn

»Schrift liest sich immer mit«, schreibt Laura Weissmüller in der gestrigen Süddeutschen Zeitung, in einem Bericht über die Ausstellung »On-Type. Texte zur Typografie«. Und damit formuliert sie auf plastische Weise eine Forderung der gegenwärtigen Literaturwissenschaften: Man muss die Gegenständlichkeit, Form und Materialität von Texten und Geschriebenem berücksichtigen und untersuchen! Schließlich gilt, so Weissmüller weiter: »Noch bevor unser Kopf das erste Wort verstanden hat, schickt das Schriftzeichen über seine Form bereits Botschaften ans Gehirn«.

Stilometrie

In einem Artikel vom September letzten Jahres beschreibt der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz die Suche nach dem anonymen Programmierer (um nicht zu sagen: Verfasser) der elektronischen Währung Bitcoin. Da von ihm neben einem wohl pseudonymen Namen nur Texte bekannt sind, blieb als Möglichkeit nur der Versuch, von den Texten auf einen Verfasser zu schließen. Das Mittel der Wahl ist deshalb die »Stilometrie«, also eine stilistische Untersuchung der Sprache.

Ausgehend von dieser Suche spricht Setz über Autorschaft, geistiges Eigentum, Möglichkeiten der stilistischen Verschleierung, über Spuren und einiges mehr. Aus Sicht einer Historischen Textwissenschaft lässt sich noch ein Aspekt – beziehungsweise: eine Frage – hinzufügen: Was sind denn die historischen Grundlagen der Stilometrie? Setz erwähnt an einer Stelle die »Epiker des europäischen Mittelalters«, die wohl kaum »an ihrem geistigen Eigentum« festgehalten haben. Gerade am Beispiel einer mittelalterlichen Handschriftenkultur kann man zudem lernen, dass eine Stilometrie stabile, einem Verfasser zurechenbare Texte voraussetzt. Schließlich werden mittelalterliche Handschriften abgeschrieben und im Zuge dieses Abschreibens in vielerlei Hinsicht verändert. Zwischen einem Verfasser und einem konkreten Leser treten mithin mehrere Abschreibeereignisse, die einen Rückschluss von einer konkreten Handschrift (und einem konkreten Stil) auf einen Verfasser nicht oder nur eingeschränkt zulassen. Gerade das Internet schafft mit der Möglichkeit einer in hohem Grade unmittelbaren Verbindung von Verfasser und lesbarem Text sehr gute Voraussetzungen für eine Stilometrie.

Montag, 17. Juni 2013

Wikipedias Textwissenschaft II

Vor schon etwas längerer Zeit, nämlich am 7. Januar, habe ich angekündigt, dass ich mir den Wikipedia-Artikel zum Thema »Textwissenschaft« einmal etwas genauer ansehen würde. Der Artikel besteht aus vier Absätzen, einem Verweis auf den Artikel zur »Textverstehensforschung« und aus einem Literaturhinweis, dem ich im Januar bereits nachgegangen bin. Der erste Satz lautet:

»Als Textwissenschaft kann ganz allgemein jede spezielle Wissenschaft verstanden werden, zu deren Gegenständen Texte gehören.«

Man kann wohl sagen, dass man sich mit dieser Definition auf der sicheren Seite befindet, immerhin wird im Wesentlich nur auf die beiden Bestandteile des Begriffs verwiesen, eben auf »Wissenschaft« und auf »Text«. Der folgende (Ab-)Satz zählt auf, welche »spezielle[n]« Wissenschaften als »Textwissenschaft« gelten können:

»Das wären vor allem: Linguistik, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft, Rhetorik, Stilistik, Theologie.«

Abgesehen davon, dass das »vor allem« eine Abgeschlossenheit suggeriert, die bei einem kaum gebräuchlichen Begriff wenig sinnvoll zu sein scheint, ist die Aufzählung recht uneinheitlich. Zwar sind Linguistik, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft und Theologie Disziplinen, die fest an den Universitäten verankert sind, für Rhetorik und Stilistik gilt dies jedoch nicht. Zudem sind Literaturwissenschaft und Linguistik deutlich jüngere Disziplinen als Rechtswissenschaft und Theologie.

Ich überspringe den Rest des zweiten Absatzes und widme mich dem dritten:

»Die Literaturwissenschaft wiederum interessiert sich neben anderen Dingen für die ästhetischen Qualitäten oder auch die ursprüngliche Form von Texten.«

Dieser Satz lässt sich schon allein wegen der Einschränkung (»neben anderen Dingen«) kaum kritisieren. Zwar ließe sich hier (wie schon beim ersten Satz) kritisieren, dass zu klären wäre, was unter »Text« verstanden wird – aber das Problem des gesamten Artikels ist meiner Meinung ein anderes: Es fehlt eine historische Perspektive, um zu erläutern, seit wann es den Begriff »Textwissenschaft« gibt, welche Funktion(en) er erfüllt und in welchen Zusammenhängen er gegenwärtig gebraucht wird. Der letzte Absatz ist ein Schritt in diese Richtung:

»In einen [!] besonderen Verständnis meint Textwissenschaft aber einen Vorschlag, die an Texten interessierten Wissenschaften zu einer gemeinsamen Wissenschaftsdiziplin zu vereinen, in der die unterschiedlichen Interessen zusammengeführt werden (Bußmann).«

Mit diesem (Ab-)Satz scheint nun eine historische Perspektive auf, die allerdings nicht ganz korrekt ist. Bußmann nämlich beschreibt in seinem »Lexikon der Sprachwissenschaft«, die »Textwissenschaft« als einen Forschungsbereich, der »speziell eine Annäherung von Linguistik und Literaturwissenschaft zum Ziel hat«. Es geht also nicht darum, alle an Texten interessierte Wissenschaften zu vereinen, sondern es geht um genau zwei Disziplinen, die zudem (zumindest im deutschsprachigen Raum) eine gemeinsame Geschichte haben, da sie beide aus der Germanistik hervorgehen, beziehungsweise heute gemeinsam die Germanistik bilden.

Dienstag, 11. Juni 2013

»Text«

Was ist das eigentlich, ein »Text«? Und wann spricht man überhaupt von »Texten«? In der Einleitung zur Anthologie »Texte zur Theorie des Textes« von Stephan Kammer und Roger Lüdeke werden drei Verwendungsweisen unterschieden. Zum einen werde unter »Text« eine »geordnete Menge von Elementen« verstanden, die sich zur »höchste[n] Sinneinheit von sprachlichen Äußerungen« gruppieren. So verstanden bilden Texte eine abgrenzbare Einheit. Unter »Text« lässt sich zweitens aber auch ein System von Verweisen verstehen, das zur Herausbildung von Bedeutung beiträgt. Ein solches Verständnis sperrt sich gegen Ganzheitsvorstellungen und Abgrenzungen. Drittens kann die Rede vom »Text« auf dessen »konkreten, materiell-medialen Objektstatus« verweisen, so dass auch Textträger und die graphische Gestalt von Textualität in den Blick gerät.

Sonntag, 2. Juni 2013

Internationales Kunstenglisch

Im aktuellen Merkur findet man die Übersetzung eines Artikels von Alix Rule und David Levine über »International Art English« (IAE). Darin wird – mit einer gewissen Ironie, wenn ich mich nicht täusche – die These vertreten, dass es sich bei den verschiedenen online verbreiteten Ankündigungs-, Katalog- und Werbetexten der Kunstwelt nicht einfach nur um ein fachsprachliches Englisch handelt, sondern um eine eigene, vom Englischen abzugrenzende Sprache handelt. Ein zentrales Argument für diese These ist aus textwissenschaftlicher Sicht nicht uninteressant. Die beiden Verfasser weisen nämlich darauf hin, dass sich das gegenwärtige Art-Englisch insbesondere an Übersetzungen französischer Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten orientiert. Deshalb klinge diese Sprache mitunter wie ein »schlecht übersetztes Französisch«. In dieser »universalen Fremdsprache« werde nun weltweit über Kunst geschrieben, so dass sich VerfasserInnen aus anderen Sprachräumen nun selbst in diese Sprache übersetzen müssen. Es ist gerade dieser Übersetzungsprozess, der sich als eine komplexe Reihung von Nachahmung, Wiederholung und sprachlicher Selbstdisziplinierung vorstellen lässt: Vielleicht sind, so die Autoren, die französischen Pressemitteilungen deshalb so gut, weil sich französische Praktikanten an amerikanischen Praktikanten orientieren, die sich an amerikanischen Professoren orientieren, die sich an französischen Professoren orientieren?

     »The IAE of the French press release is almost too perfect: 
     It is written, we can only imagine, by French interns 
     imitating American interns imitating American academics 
     imitating French academics. Scandinavian IAE, 
     on the other hand, tends to be lousy. Presumably 
     its writers are hampered by false confidence—
     with their complacent non-native fluency in English,
     they have no ear for IAE.«

Freitag, 31. Mai 2013

Das kann man so schreiben!

Die Karikatur in der heutigen taz hat es textwissenschaftlich in sich: Im Bildhintergrund steht mit roter Farbe an einer Wand der Satz »Gauck ist ein Schleimer!«. Im Vordergrund des Bildes sieht man links und rechts zwei Männer. Der linke stellt fest: »Das kann man so nicht sagen!«; der rechte hält dem entgegen: »Aber schreiben!«

Ein Witz der Karikatur liegt sicher darin, dass hier das »sagen« ernstgenommen wird, denn die Feststellung, dass man etwas so nicht sagen könne, bezieht sich ja normalerweise nicht nur auf das Sprechen, sondern auf alle Formen der Äußerung (also auch auf das Schreiben). Abgesehen davon kann man anhand der Karikatur aber auch beobachten, wie zwischen dem Sprechen und Schreiben differenziert werden kann. Manchmal gibt es eben Einschränkungen, Tabus und Verbote, die zwar für das Sprechen gelten, nicht aber für das Schreiben (und umgekehrt). Im Fall der taz-Karikatur könnte man dann vielleicht sagen, dass man manche Dinge aufschreiben kann, auch wenn man – aus Gründen der Höflichkeit – diese Dinge nicht sagen darf.

Montag, 6. Mai 2013

Textverarbeitung

Wenn eine Historische Textwissenschaft sich auch mit der Frage auseinanderzusetzen hat, auf welche Weise unsere Werkzeuge unsere Vorstellung von und unseren Umgang mit »Text« verändern, dann lässt sich aus Till A. Heilmanns Buch »Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine« einiges lernen. Heilmann beschreibt den langen Weg, der dazu führte, dass Bildschirm, Computer, Tastatur, Maus, Software und Drucker die Arbeitsumgebung bildeten, die es einer großen Zahl von Menschen ermöglichte, Dokumente zu erstellen, für die zuvor professionelle Maschinen und eine professionelle Ausbildung notwendig waren. Was zuvor vor allem von Verlagen gemacht werden konnte, ließ sich nun am heimischen Rechner (zumindest annähernd) bewerkstelligen. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die sich herausbildende Möglichkeit, von Computerprogrammen als »Text« zu sprechen. »Erst ab Mitte der sechziger Jahre«, so Heilmann, »wurden Programme mit dem Begriff ›Text‹ belegt«. (S. 99) Zwar muss die explizite Bezeichnung gar nicht entscheidend sein – immerhin hatte sich zuvor der Umgang mit Computerprogrammen schon massiv verändert. Der neue (und gleichzeitig alte) Begriff markiert aber eine Übergangsphase, die aus Anweisungen für den Computer etwas werden ließ, das etablierten Formen von Geschriebenen ähnelt. Eine historische Textwissenschaft, die sich mit dem 20. Jahrhundert befasst, könnte anhand dieses Übergangs darüber nachdenken, inwieweit (und gegebenenfalls ab wann) Computerprogramme Gegenstand einer (Historischen) Textwissenschaft sein können und sollen.

Samstag, 6. April 2013

Textträger

Kurz hingewiesen sie auf Malte Herwigs dradio-Beitrag zur »Bücherrevolution« (der zurückgeht auf einen Freitag-Artikel vom Oktober 2012). Herwig guillotiniert seine Bibliothek, scannt die vormals gebundenen Textstapel ein und speichert die Daten dann auf seinem eBook-Reader. Der zentrale Satz, der die »Revolution« rechtfertigt lautet: »Aber zerstört wird ja nur der Träger, nicht der Text«. Das unterschätzt zwar die Funktion des Trägers für den Text, für dessen Präsentation und Wahrnehmung; aber als eingängige Rechtfertigung der privaten do-it-yourself-Digitalisierung taugt der Satz allemal.

Studienordnung II

Zurück zum Thema Studienordnungen. Am 16. Dezember habe ich über ein Modul »Historische Textwissenschaft« des Masterstudiengangs »Deutsche Sprache und Literatur« der Universität Köln geschrieben, also über einen (kleinen) Teil eines Studiengangs. Eine Recherche nach »textwissenschaftlichen« Studiengängen (also ohne das Adjektiv »historisch«) führte mich nach Passau, denn dort gibt es einen Bachelorstudiengang »Sprach- und Textwissenschaften«.

Ein Blick in die Studienordnung zeigt eine breite disziplinäre Auswahlmöglichkeit, die neben der Medienwissenschaft zahlreiche sprache- und literaturwissenschaftliche Fächer umfasst. In einem »Transfer- und Kontextmodul« stehen auch geschichtswissenschaftliche, juristische, theologische, philosophische und bildwissenschaftliche Veranstaltungen zur Wahl.

So gesehen bildet die »Textwissenschaft« vor allem den Oberbegriff für zahlreiche etablierte Disziplinen. Sucht man nach einem Studienmodul, das einen spezifisch textwissenschaftlichen Anspruch erhebt, dürfte vor allem das »Sprach- und Textwissenschaftliche Grundmodul« interessant sein. In diesem Modul ist eine »Integrative Ringvorlesung ›Text‹-Wissen« vorgesehen – wobei es durchaus symptomatisch für den interdisziplinären Anspruch des Studiengangs ist, dass eine solche Veranstaltung explizit als Ringvorlesung statt als Vorlesung ausgewiesen ist. Wäre stattdessen auch eine »transdisziplinäre« Konzeption denkbar, bei der die Disziplingrenzen verwischt und nivelliert würden?

Worum es in der besagten Ringvorlesung geht, lässt sich dem Modulkatalog allerdings nicht entnehmen. Dort werden nur die übrigen Veranstaltung des Moduls näher erläutert.

Sonntag, 24. März 2013

Promotionsprogramm

Bisher völlig übersehen habe ich das Promotionsprogramm »Theorie und Methodologie der Textwissenschaften und ihre Geschichte" (TMTG) der Universitäten Göttingen und Osnabrück. »Das Promotionsprogramm trägt«, so heißt es auf der Homepage »zur Grundlagenforschung der Wissenschaften bei, die sich mit Texten befassen«. Sinnvoll scheint mir die Beteiligung verschiedener Disziplinen, in denen die Auseinandersetzung mit Texten eine zentrale Rolle spielt; auch die historische Perspektive leuchtet mir ein.

Nicht ganz klar wird mir die nähere Beschreibung des Begriffs der »Textwissenschaft«. Unter dem Stichwort »Ziele« ist davon die Rede, dass mit dem Begriff Bezug genommen wird »auf die sprachliche Verfasstheit der Untersuchungsgegenstände« und dass »Texte oder literarische Werke« im Zentrum stehen, »mit entschiedenem Blick auf deren sprachlicher Besonderheit«. Zudem wird darauf hingewiesen, dass es »um besondere philologische Kompetenzen« gehe. So verstanden scheint mir »Textwissenschaft« jedoch ein recht unspezifischer Oberbegriff zu sein, für die philologische Auseinandersetzung mit verschriftlichter Sprache, vor allem in Form von »Literatur«.

Das Themenspektrum ist recht breit – was für eine interdisziplinäre Diskussion sicherlich kein Nachteil ist. Zudem leistet der Begriff der »Textwissenschaft« offenbar eine breite disziplinäre Identifikation, was vielleicht auch dazu führt, dass man mit diesem Begriff keinen allzu enges Konzept verbindet.

Sonntag, 17. März 2013

Dialektale Texte

Der kurze Artikel der Neuen Zürcher Zeitung zur Verschriftlichung der Mundart mittels elektronischer Kommunikation ist zwar schon vor sechs Wochen erschienen, behandelt aber ein Thema, dass uns schon einige Zeit begleitet und uns wohl auch noch einige Zeit begleiten wird. Es geht, kurz gesagt, um die Übertragung gesprochener Sprache in die elektronischen Kommunikationskanäle. Aufgrund der starken dialektalen Prägung der deutschsprachigen Schweiz ist dieses Thema dort besonders relevant, dürfte aber auch im übrigen deutschsprachigen Raum von Bedeutung sein.

Bei dieser Übertragung gesprochener Sprache in elektronische Kommunikation ergeben sich verschiedene Herausforderungen: Es steht keine geregelte, allgemeinverbindliche und gelernte Orthographie zur Verfügung; die Schreibweisen, Begriffe, Zeichen und sprachlichen Regeln unterliegen einer beschleunigten Veränderung (und Standardisierung); zudem interagiert das Medium mit der Verschriftlichung der Umgangssprache.

Vor allem der letzte Punkt dürfte spannend sein und erlaubt eine genauere Differenzierung. Was nämlich vertextbar ist, was also überhaupt zu Text werden kann, wird geregelt durch Techniken, Praktiken und Diskurse. Techniken (z.B. SMS, Twitter oder Social-Media-Plattformen wie Facebook) geben mitunter recht rigide Textualitätsvorgaben, was beispielsweise die Länge von Aussagen anbelangt oder auch die Gerichtetheit, indem man beispielsweise eine Person direkt via Handy ansprechen kann. Praktiken (z.B. Kommunikationsakte in der Familie) regulieren, wann vertextet wird und welche Personen als Kommunikationspartner zur Verfügung stehen. Diskurse schließlich regulieren, was sagbar (und damit textualisierbar) ist und was nicht. Dialektsprecher wissen beispielsweise, dass sich Fremdworte und Fachbegriffe meist nicht ohne Reibungsverluste in den Dialekt einfügen lassen; mit derartigen Beschränkungen muss man – auf welche Weise auch immer – umgehen lernen.

Philologie, Textwissenschaft, Medienkunde

Und wieder einmal taucht der Begriff »Textwissenschaft« auf, diesmal als Sektionstitel einer Konferenz zu »Perspektiven der Germanistik im 21. Jahrhundert«. Das »Forum A.2« trägt die Überschrift »Philologie, Textwissenschaft, Medienkunde? Zum Gegenstand der Germanistik«. Leider taucht die Textwissenschaft in der zugehörigen Ansammlung von Fragen nicht mehr auf; mithin wurde der Begriff wohl nur gebraucht, um im Titel drei (statt lediglich zwei) Begriffe anzuführen. Die Konferenz selbst kann durchaus mit hochkarätigen TeilnehmerInnen aufwarten und steht natürlich in einer langen (selbst)kritischen Diskussionstradition der Deutschen Philologie/Germanistik/Literatur-/Kulturwissenschaft. Der Begriff der »Textwissenschaft« wird bei dieser Diskussion, so vermute ich, keine Rolle spielen.

Montag, 18. Februar 2013

Neue Textwörter

Eine Historische Textwissenschaft braucht, soviel sollte klar sein, tolle Begriffe. Begriffe, die neu sind, die überraschen und die etwas sichtbar machen, was zuvor nicht oder nur undeutlich zu sehen war. Da es nicht so einfach ist, derartige Begriffe einfach zu erfinden, ist Wachsamkeit geboten, denn Wort (insbesondere Wortkombinationen), die sich zu Begriffen eigenen, lauern überall. Vielleicht lässt sich aus »Texteinzigartigkeit« etwas machen oder aus »Textbaukasten«, »Textfarm«, »Textfragmentarik« und »Text-Knoten« (die letzten vier Wörter stammen von der Wortwarte).

Mittwoch, 13. Februar 2013

Mittelalter-Graffiti

Ein vor wenigen Tagen erschienener Artikel von »Spiegel Online« zu »Mittelalter-Graffiti« bietet vielleicht eine ganz gute Möglichkeit, um nach einer längeren Pause wieder ein paar Überlegungen zu einer historischen Textwissenschaft anzustellen. In der Kathedrale von Norwich haben Wissenschaftler, so heißt es im Artikel, Inschriften gefunden, die dort nicht nur beiläufig, sondern zum Teil auch zeitaufwändig angebracht worden seien. »Die Wände«, so wird der Projektleiter zitiert, »sind bedeckt mit allem, was man sich nur denken kann«, etwa mit »Schiffe[n], Namen, Tiere[n], Windmühlen, Figuren und Gebete[n]«.

Leider kenne ich weder die Inschriften noch ausführlichere Artikel zu diesem Thema, so dass ich mir zu dieser Aufzählung kein Bild machen kann. Ich würde vermuten, dass mit dieser Aufzählung kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll. Vielmehr wird die Aufzählung wohl auch darauf abzielen, öffentlichkeitswirksam die Alterität – die Fremdheit – dieser materiellen Hinterlassenschaften zu demonstrieren. Trotzdem ist die Aufzählung gerade auch wegen ihrer Heterogenität interessant, da sie ein Spektrum an Zeichen umfasst, die unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedlichen Formen von Zeichenhaftigkeit zuzuordnen sind. Zudem gibt es – zumindest auf den ersten Blick – verschiedene Grade der Nähe zur Kirche und zur Religion. Schiffe etwa sind zwar, soweit ich sehe, in der regliösen Sprache und in der Metaphorik religiöser Texte durchaus präsent, gehören aber nicht zum zentralen Zeicheninventar des Christentums. Noch deutlicher wird dies bei den Windmühlen, die im Bestand christlicher Sprache keinen Platz haben.

Bei den Tieren wird (leider) nicht gesagt, um welche es sich handelt. Spannend aus Sicht einer Textwissenschaft sind auf jeden Fall diejenigen Inschriften, die aus Schriftzeichen bestehen. Gebete sind als religiöse Texte im Kirchenraum gut aufgehoben. Spannend wäre es, über deren Funktion nachzudenken, denn wenn diese (vermutlich kürzeren) Texte dauerhaft angebracht sind, dann ist vorstellbar, dass die beabsichtigte Wirkung der Gebete der zeitlichen und sprachlichen Vergänglichkeit entzogen werden sollte. Übernehmen solche Gebete für den Gläubigen (interpassiv) das Beten? Erhöht sich durch das inschriftliche Gebet dessen Wirkung? Haben der Schreibaufwand und die Inschriftlichkeit Einfluss auf den Wortlaut? Und wie verändert sich eigentlich die Beziehung des Schreibenden zum sakralen Raum, wenn der Schreibende dort Geschriebenes hinterlässt?

Anhand der Namen lässt sich ein Problem kurz anreißen, das ich in nächster Zeit anhand verschiedener Überlegungen zum Textbegriff diskutieren möchte: Ist ein Name schon ein Text? Gibt es eine Mindestanforderung an geschriebene sprachliche Zeichen, damit man von einem Text sprechen kann? Haben einzelne oder mehrere aufeinanderfolgende geschriebene sprachliche Zeichen ein Potential an Textualität? 

Donnerstag, 10. Januar 2013

Buchwissenschaft/Textwissenschaft

Vorgestern erreichte mich über H-Germanistik ein Hinweis auf den Masterstudiengang »Buchwissenschaft: Verlagspraxis« der LMU München. Der Studiengang wurde erstmals zum Wintersemester 2012/2013 angeboten; er ersetzt, so heißt es auf der Homepage, »den bisherigen Aufbaustudiengang« und wird beworben mit dem Hinweis auf eine »enge Vernetzung mit dem Medienstandort München«.

Angesichts der radikalen Umbrüche auf dem Buchmarkt bin ich mir unsicher, ob ein solcher Masterstudiengang eine besonders gute oder eher eine besonders schlechte Idee ist; auch ist mir unklar, wie weit die Wissenschaftlichkeit eines solchen Studiengangs reicht und reichen kann – zumal in München die Wissenschaft im Titel des Studiengangs auch sogleich auf die Praxis trifft. Wichtiger aber als diese Fragen ist mir die Abgrenzung zwischen einer Buch- und einer Textwissenschaft.

Wenn eine Buchwissenschaft, wie es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag heißt, »eine Querschnittswissenschaft aus verschiedenen Disziplinen« ist, die »das Buch in seinen kulturellen, wirtschaftlichen, medialen und technischen Eigenschaften« erfasst, dann kann man die Buchwissenschaft wohl als eine Art Artefaktwissenschaft bezeichnen Eine solche Wissenschaft verschreibt sich einem von Menschen gemachten Gegenstand. Schwierigkeiten können im Fall der Buchwissenschaft als einer Ausbildung für die Praxis dann entstehen, wenn dieser Wissenschaft als Praxis der Gegenstand abhanden kommt. Immerhin kann man sich fragen: Ist das sogenannte eBook tatsächlich noch ein Buch? Sind gedruckte und gebundene Word-Dateien Bücher? 

Eine Textwissenschaft hat demgegenüber den Vorteil, dass zwar Geschriebenes an Medien und Material gebunden ist und mit Medien und Material interagiert, dass aber Texte nicht an ein spezifisches Artefakt gebunden sind. Nun ist es keineswegs einfach, genau zu definieren, was ein »Text« eigentlich ist, aber zumindest dürfte im Vergleich zur Buchwissenschaft die grundlegende Transformation eines einzelnen Artefakts für Texte kein Problem darstellen. Vereinfacht gesagt: Texte gab es, bevor Bücher geschrieben wurden und es gibt sie, auch wenn einmal keine Bücher mehr geschrieben oder gedruckt werden sollten.

Was heißt das jetzt für den Münchener Studiengang? Vielleicht sollte man die Zweiteilung im Titel aufgeben und einfach von einer »Verlagswissenschaft« sprechen. Verlage kann es auch ohne Bücher geben.

Montag, 7. Januar 2013

Wikipedias Textwissenschaft

Es hat mich schon überrascht, dass es in der Wikipedia einen Artikel zum Thema »Textwissenschaft« gibt – und ich werde mir diesen Artikel in einem der nächsten Einträge einmal etwas genauer ansehen. Der einzige Literaturhinweis in diesem Artikel bezieht sich auf Hadumod Bußmanns »Lexikon der Sprachwissenschaft«. Dort findet sich – im Anschluss an »Texttheorie«, »Texttypologie«, »Textualität«, »Textverarbeitung«, »Textverständlichkeit« und »Textverweis« – tatsächlich ein Eintrag zum Lemma »Textwissenschaft«. Dies sei ein »[i]nterdisziplinär ausgerichteter Forschungsbereich, der sich mit Struktur und Gebrauch von Texten in kommunikativen Zusammenhängen befaßt und speziell eine Annäherung von Linguistik und Literaturwissenschaft zum Ziel hat«.[1] Das ist auf jeden Fall gut zu wissen; als Literaturwissenschaftler werde ich – gerade auch nach der Lektüre von Martin-Dietrich Gleßgens Aufsatz – das Gefühl nicht los, dass es zwar in der Linguistik eine Vorstellung von einer Textwissenschaft gibt, dass diese Vorstellung aber nicht besonders weit in die Literaturwissenschaft vorgedrungen ist.

Der Artikel besteht noch aus einem zweiten Satz, der hier nicht weiter interessieren muss, und aus folgenden Literaturhinweisen:[2]

- R. Jakobson [1968]: Closing statement. Linguistics and poetics. In: Th. A. Sebeok (ed.): Style in language. Cambridge, Mass., S. 350-377.
- S. J. Schmidt [1971]: Allgemeine Textwissenschaft. Ein Programm zur Erforschung ästhetischer Texte. In: LBer 12, S. 10-21.
- J. Kerkhoff [1973]: Angewandte Textwissenschaft. Düsseldorf.
- S. J. Schmidt [1973]: Texttheorie. 2. verb. Aufl. Heidelberg 1979.
- T. A van Dijk [1985]: Handbook of discourse analysis. 4 Bde. London.


[1] Art. »Textwissenschaft«. In: Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. Aufl., Stuttgart 1990, S. 783b-784a, hier: 783b.

[2] Nur für den Fall, dass sich doch jemand für den zweiten Satz interessiert: »Je nach engerem oder weiterem Verständnis von Linguistik ist die Textlinguistik ein Teilbereich der T[extwissenschaft] oder mit ihr identisch.«

Samstag, 5. Januar 2013

Sprach- und Textwissenschaft

Martin-D[ietrich] Gleßgen: Vergleichende oder einzelsprachliche historische Textwissenschaft. In: Wolfgang Dahmen et al. (Hrsg.): Was kann eine vergleichende romanische Sprachwissenschaft heute (noch) leisten? Romanistisches Kolloquium XX. (Tübinger Beiträge zur Linguistik 491) Tübingen 2006, S. 319-340.

Auf den ersten Blick sieht der Aufsatz von Martin-Dietrich Gleßgen aus dem Jahr 2006 sehr vielversprechend aus, denn der Titel verheißt Auskunft über eine »vergleichende oder einzelsprachliche historische Textwissenschaft«. Bei der Lektüre wird aber schnell deutlich, dass Gleßgen etwas sehr Bestimmtes im Sinn hat – und deshalb ist er recht weit von dem entfernt, was ich mir als Historische Textwissenschaft vorstelle.

Gleßgen beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Herausforderungen einer historischen Textwissenschaft für eine (vergleichende) romanistische Sprachwissenschaft. Was genau unter einer historischen Textwissenschaft zu verstehen ist, bleibt vage. Im Rahmen seines Aufsatzes dient die historische Textwissenschaft vor allem als Rahmen, um ein Ausgreifen der Sprachwissenschaft auf Felder zu legitimieren, die für eine romanistische Sprachwissenschaft offenbar schwer zu erreichen sind. Hierzu gehören die Differenzierung von Textsorten und textsortenspezifische Untersuchungen.

Diese Differenzierung von Textsorten steht im Zentrum der Überlegungen Gleßgens. Das Konzept einer Textwissenschaft ist somit ein Entwurf, der aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zu verstehen ist. Gemeint ist eine Sprachwissenschaft, die Textsorten unterscheidet und die ihre (sprachlichen) Analysen anhand dieser Unterscheidungen ausrichtet. Aus Sicht der Sprachwissenschaft mag es sinnvoll sein, dies als historische Textwissenschaft zu bezeichnen, allerdings erhebt Gleßgens Aufsatz nicht den Anspruch, ausgehend vom Begriff eine neue und umfassende Form des Umgangs mit Textualität zu entwerfen.