Donnerstag, 10. Januar 2013

Buchwissenschaft/Textwissenschaft

Vorgestern erreichte mich über H-Germanistik ein Hinweis auf den Masterstudiengang »Buchwissenschaft: Verlagspraxis« der LMU München. Der Studiengang wurde erstmals zum Wintersemester 2012/2013 angeboten; er ersetzt, so heißt es auf der Homepage, »den bisherigen Aufbaustudiengang« und wird beworben mit dem Hinweis auf eine »enge Vernetzung mit dem Medienstandort München«.

Angesichts der radikalen Umbrüche auf dem Buchmarkt bin ich mir unsicher, ob ein solcher Masterstudiengang eine besonders gute oder eher eine besonders schlechte Idee ist; auch ist mir unklar, wie weit die Wissenschaftlichkeit eines solchen Studiengangs reicht und reichen kann – zumal in München die Wissenschaft im Titel des Studiengangs auch sogleich auf die Praxis trifft. Wichtiger aber als diese Fragen ist mir die Abgrenzung zwischen einer Buch- und einer Textwissenschaft.

Wenn eine Buchwissenschaft, wie es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag heißt, »eine Querschnittswissenschaft aus verschiedenen Disziplinen« ist, die »das Buch in seinen kulturellen, wirtschaftlichen, medialen und technischen Eigenschaften« erfasst, dann kann man die Buchwissenschaft wohl als eine Art Artefaktwissenschaft bezeichnen Eine solche Wissenschaft verschreibt sich einem von Menschen gemachten Gegenstand. Schwierigkeiten können im Fall der Buchwissenschaft als einer Ausbildung für die Praxis dann entstehen, wenn dieser Wissenschaft als Praxis der Gegenstand abhanden kommt. Immerhin kann man sich fragen: Ist das sogenannte eBook tatsächlich noch ein Buch? Sind gedruckte und gebundene Word-Dateien Bücher? 

Eine Textwissenschaft hat demgegenüber den Vorteil, dass zwar Geschriebenes an Medien und Material gebunden ist und mit Medien und Material interagiert, dass aber Texte nicht an ein spezifisches Artefakt gebunden sind. Nun ist es keineswegs einfach, genau zu definieren, was ein »Text« eigentlich ist, aber zumindest dürfte im Vergleich zur Buchwissenschaft die grundlegende Transformation eines einzelnen Artefakts für Texte kein Problem darstellen. Vereinfacht gesagt: Texte gab es, bevor Bücher geschrieben wurden und es gibt sie, auch wenn einmal keine Bücher mehr geschrieben oder gedruckt werden sollten.

Was heißt das jetzt für den Münchener Studiengang? Vielleicht sollte man die Zweiteilung im Titel aufgeben und einfach von einer »Verlagswissenschaft« sprechen. Verlage kann es auch ohne Bücher geben.

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