Montag, 18. Februar 2013

Neue Textwörter

Eine Historische Textwissenschaft braucht, soviel sollte klar sein, tolle Begriffe. Begriffe, die neu sind, die überraschen und die etwas sichtbar machen, was zuvor nicht oder nur undeutlich zu sehen war. Da es nicht so einfach ist, derartige Begriffe einfach zu erfinden, ist Wachsamkeit geboten, denn Wort (insbesondere Wortkombinationen), die sich zu Begriffen eigenen, lauern überall. Vielleicht lässt sich aus »Texteinzigartigkeit« etwas machen oder aus »Textbaukasten«, »Textfarm«, »Textfragmentarik« und »Text-Knoten« (die letzten vier Wörter stammen von der Wortwarte).

Mittwoch, 13. Februar 2013

Mittelalter-Graffiti

Ein vor wenigen Tagen erschienener Artikel von »Spiegel Online« zu »Mittelalter-Graffiti« bietet vielleicht eine ganz gute Möglichkeit, um nach einer längeren Pause wieder ein paar Überlegungen zu einer historischen Textwissenschaft anzustellen. In der Kathedrale von Norwich haben Wissenschaftler, so heißt es im Artikel, Inschriften gefunden, die dort nicht nur beiläufig, sondern zum Teil auch zeitaufwändig angebracht worden seien. »Die Wände«, so wird der Projektleiter zitiert, »sind bedeckt mit allem, was man sich nur denken kann«, etwa mit »Schiffe[n], Namen, Tiere[n], Windmühlen, Figuren und Gebete[n]«.

Leider kenne ich weder die Inschriften noch ausführlichere Artikel zu diesem Thema, so dass ich mir zu dieser Aufzählung kein Bild machen kann. Ich würde vermuten, dass mit dieser Aufzählung kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll. Vielmehr wird die Aufzählung wohl auch darauf abzielen, öffentlichkeitswirksam die Alterität – die Fremdheit – dieser materiellen Hinterlassenschaften zu demonstrieren. Trotzdem ist die Aufzählung gerade auch wegen ihrer Heterogenität interessant, da sie ein Spektrum an Zeichen umfasst, die unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedlichen Formen von Zeichenhaftigkeit zuzuordnen sind. Zudem gibt es – zumindest auf den ersten Blick – verschiedene Grade der Nähe zur Kirche und zur Religion. Schiffe etwa sind zwar, soweit ich sehe, in der regliösen Sprache und in der Metaphorik religiöser Texte durchaus präsent, gehören aber nicht zum zentralen Zeicheninventar des Christentums. Noch deutlicher wird dies bei den Windmühlen, die im Bestand christlicher Sprache keinen Platz haben.

Bei den Tieren wird (leider) nicht gesagt, um welche es sich handelt. Spannend aus Sicht einer Textwissenschaft sind auf jeden Fall diejenigen Inschriften, die aus Schriftzeichen bestehen. Gebete sind als religiöse Texte im Kirchenraum gut aufgehoben. Spannend wäre es, über deren Funktion nachzudenken, denn wenn diese (vermutlich kürzeren) Texte dauerhaft angebracht sind, dann ist vorstellbar, dass die beabsichtigte Wirkung der Gebete der zeitlichen und sprachlichen Vergänglichkeit entzogen werden sollte. Übernehmen solche Gebete für den Gläubigen (interpassiv) das Beten? Erhöht sich durch das inschriftliche Gebet dessen Wirkung? Haben der Schreibaufwand und die Inschriftlichkeit Einfluss auf den Wortlaut? Und wie verändert sich eigentlich die Beziehung des Schreibenden zum sakralen Raum, wenn der Schreibende dort Geschriebenes hinterlässt?

Anhand der Namen lässt sich ein Problem kurz anreißen, das ich in nächster Zeit anhand verschiedener Überlegungen zum Textbegriff diskutieren möchte: Ist ein Name schon ein Text? Gibt es eine Mindestanforderung an geschriebene sprachliche Zeichen, damit man von einem Text sprechen kann? Haben einzelne oder mehrere aufeinanderfolgende geschriebene sprachliche Zeichen ein Potential an Textualität?