Freitag, 31. Mai 2013

Das kann man so schreiben!

Die Karikatur in der heutigen taz hat es textwissenschaftlich in sich: Im Bildhintergrund steht mit roter Farbe an einer Wand der Satz »Gauck ist ein Schleimer!«. Im Vordergrund des Bildes sieht man links und rechts zwei Männer. Der linke stellt fest: »Das kann man so nicht sagen!«; der rechte hält dem entgegen: »Aber schreiben!«

Ein Witz der Karikatur liegt sicher darin, dass hier das »sagen« ernstgenommen wird, denn die Feststellung, dass man etwas so nicht sagen könne, bezieht sich ja normalerweise nicht nur auf das Sprechen, sondern auf alle Formen der Äußerung (also auch auf das Schreiben). Abgesehen davon kann man anhand der Karikatur aber auch beobachten, wie zwischen dem Sprechen und Schreiben differenziert werden kann. Manchmal gibt es eben Einschränkungen, Tabus und Verbote, die zwar für das Sprechen gelten, nicht aber für das Schreiben (und umgekehrt). Im Fall der taz-Karikatur könnte man dann vielleicht sagen, dass man manche Dinge aufschreiben kann, auch wenn man – aus Gründen der Höflichkeit – diese Dinge nicht sagen darf.

Montag, 6. Mai 2013

Textverarbeitung

Wenn eine Historische Textwissenschaft sich auch mit der Frage auseinanderzusetzen hat, auf welche Weise unsere Werkzeuge unsere Vorstellung von und unseren Umgang mit »Text« verändern, dann lässt sich aus Till A. Heilmanns Buch »Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine« einiges lernen. Heilmann beschreibt den langen Weg, der dazu führte, dass Bildschirm, Computer, Tastatur, Maus, Software und Drucker die Arbeitsumgebung bildeten, die es einer großen Zahl von Menschen ermöglichte, Dokumente zu erstellen, für die zuvor professionelle Maschinen und eine professionelle Ausbildung notwendig waren. Was zuvor vor allem von Verlagen gemacht werden konnte, ließ sich nun am heimischen Rechner (zumindest annähernd) bewerkstelligen. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die sich herausbildende Möglichkeit, von Computerprogrammen als »Text« zu sprechen. »Erst ab Mitte der sechziger Jahre«, so Heilmann, »wurden Programme mit dem Begriff ›Text‹ belegt«. (S. 99) Zwar muss die explizite Bezeichnung gar nicht entscheidend sein – immerhin hatte sich zuvor der Umgang mit Computerprogrammen schon massiv verändert. Der neue (und gleichzeitig alte) Begriff markiert aber eine Übergangsphase, die aus Anweisungen für den Computer etwas werden ließ, das etablierten Formen von Geschriebenen ähnelt. Eine historische Textwissenschaft, die sich mit dem 20. Jahrhundert befasst, könnte anhand dieses Übergangs darüber nachdenken, inwieweit (und gegebenenfalls ab wann) Computerprogramme Gegenstand einer (Historischen) Textwissenschaft sein können und sollen.