Freitag, 21. Juni 2013

eVarianz

Ein Forschungsprojekt des »Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie«, über das im Börsenblatt und in verschiedenen Blogs berichtet wird, hat es in sich: Bei »SiDiM« (»Sichere Dokumente durch individuelle Markierung«) versucht man, in elektronischen Dokumenten automatisiert Textveränderungen vorzunehmen, um auf diese Weise das Dokument zu individualisieren, so dass es sich zweifelsfrei einer Person (also in der Regel einem Käufer) zuordnen lässt. Beispielsweise kann die Wortreihenfolge bei Aufzählungen verändert werden oder es wird ein negierendes Präfix (»unklar«) durch den Negationspartikel »nicht« ersetzt (»nicht klar«).

Abgesehen von der naheliegenden Kritik, dass damit die Texte nicht mehr zitierbar sind und dass sich auf diese Weise mitunter nicht nur Stil und Rhetorik, sondern auch die Bedeutung eines Textes ändern kann, würden wir uns mit einem solchen Vorgehen wieder der Handschriftenkultur annähern. Eine Handschriftenkultur (wie diejenige des europäischen Mittelalters) ist (in aller Regel) durch Varianz geprägt; beim Abschreiben von Handschriften werden Textänderungen vorgenommen: es werden zum Beispiel Abkürzungen eingefügt oder aufgelöst, die Schreibung wird auf die dem Schreiber gewohnten Konventionen umgestellt, dialektale Merkmale werden getilgt oder durch Merkmale eines anderen Dialekts ersetzt. Erst seit der Einführung des Buchdrucks wird es mehr und mehr möglich, eine Vielzahl sich sehr ähnlicher Texte zu produzieren, so dass eine größere Gruppe sich auf einen stabilen Text berufen kann. Dass man nun darüber nachdenkt, diesen Prozess der Stabilisierung umzukehren, ist zumindest bemerkenswert und sagt vielleicht auch etwas aus über die strukturelle Nähe elektronischer Kommunikation zur Handschriftenkultur des Mittelalters.

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