Donnerstag, 20. Juni 2013

Stilometrie

In einem Artikel vom September letzten Jahres beschreibt der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz die Suche nach dem anonymen Programmierer (um nicht zu sagen: Verfasser) der elektronischen Währung Bitcoin. Da von ihm neben einem wohl pseudonymen Namen nur Texte bekannt sind, blieb als Möglichkeit nur der Versuch, von den Texten auf einen Verfasser zu schließen. Das Mittel der Wahl ist deshalb die »Stilometrie«, also eine stilistische Untersuchung der Sprache.

Ausgehend von dieser Suche spricht Setz über Autorschaft, geistiges Eigentum, Möglichkeiten der stilistischen Verschleierung, über Spuren und einiges mehr. Aus Sicht einer Historischen Textwissenschaft lässt sich noch ein Aspekt – beziehungsweise: eine Frage – hinzufügen: Was sind denn die historischen Grundlagen der Stilometrie? Setz erwähnt an einer Stelle die »Epiker des europäischen Mittelalters«, die wohl kaum »an ihrem geistigen Eigentum« festgehalten haben. Gerade am Beispiel einer mittelalterlichen Handschriftenkultur kann man zudem lernen, dass eine Stilometrie stabile, einem Verfasser zurechenbare Texte voraussetzt. Schließlich werden mittelalterliche Handschriften abgeschrieben und im Zuge dieses Abschreibens in vielerlei Hinsicht verändert. Zwischen einem Verfasser und einem konkreten Leser treten mithin mehrere Abschreibeereignisse, die einen Rückschluss von einer konkreten Handschrift (und einem konkreten Stil) auf einen Verfasser nicht oder nur eingeschränkt zulassen. Gerade das Internet schafft mit der Möglichkeit einer in hohem Grade unmittelbaren Verbindung von Verfasser und lesbarem Text sehr gute Voraussetzungen für eine Stilometrie.

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