Montag, 17. Juni 2013

Wikipedias Textwissenschaft II

Vor schon etwas längerer Zeit, nämlich am 7. Januar, habe ich angekündigt, dass ich mir den Wikipedia-Artikel zum Thema »Textwissenschaft« einmal etwas genauer ansehen würde. Der Artikel besteht aus vier Absätzen, einem Verweis auf den Artikel zur »Textverstehensforschung« und aus einem Literaturhinweis, dem ich im Januar bereits nachgegangen bin. Der erste Satz lautet:

»Als Textwissenschaft kann ganz allgemein jede spezielle Wissenschaft verstanden werden, zu deren Gegenständen Texte gehören.«

Man kann wohl sagen, dass man sich mit dieser Definition auf der sicheren Seite befindet, immerhin wird im Wesentlich nur auf die beiden Bestandteile des Begriffs verwiesen, eben auf »Wissenschaft« und auf »Text«. Der folgende (Ab-)Satz zählt auf, welche »spezielle[n]« Wissenschaften als »Textwissenschaft« gelten können:

»Das wären vor allem: Linguistik, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft, Rhetorik, Stilistik, Theologie.«

Abgesehen davon, dass das »vor allem« eine Abgeschlossenheit suggeriert, die bei einem kaum gebräuchlichen Begriff wenig sinnvoll zu sein scheint, ist die Aufzählung recht uneinheitlich. Zwar sind Linguistik, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft und Theologie Disziplinen, die fest an den Universitäten verankert sind, für Rhetorik und Stilistik gilt dies jedoch nicht. Zudem sind Literaturwissenschaft und Linguistik deutlich jüngere Disziplinen als Rechtswissenschaft und Theologie.

Ich überspringe den Rest des zweiten Absatzes und widme mich dem dritten:

»Die Literaturwissenschaft wiederum interessiert sich neben anderen Dingen für die ästhetischen Qualitäten oder auch die ursprüngliche Form von Texten.«

Dieser Satz lässt sich schon allein wegen der Einschränkung (»neben anderen Dingen«) kaum kritisieren. Zwar ließe sich hier (wie schon beim ersten Satz) kritisieren, dass zu klären wäre, was unter »Text« verstanden wird – aber das Problem des gesamten Artikels ist meiner Meinung ein anderes: Es fehlt eine historische Perspektive, um zu erläutern, seit wann es den Begriff »Textwissenschaft« gibt, welche Funktion(en) er erfüllt und in welchen Zusammenhängen er gegenwärtig gebraucht wird. Der letzte Absatz ist ein Schritt in diese Richtung:

»In einen [!] besonderen Verständnis meint Textwissenschaft aber einen Vorschlag, die an Texten interessierten Wissenschaften zu einer gemeinsamen Wissenschaftsdiziplin zu vereinen, in der die unterschiedlichen Interessen zusammengeführt werden (Bußmann).«

Mit diesem (Ab-)Satz scheint nun eine historische Perspektive auf, die allerdings nicht ganz korrekt ist. Bußmann nämlich beschreibt in seinem »Lexikon der Sprachwissenschaft«, die »Textwissenschaft« als einen Forschungsbereich, der »speziell eine Annäherung von Linguistik und Literaturwissenschaft zum Ziel hat«. Es geht also nicht darum, alle an Texten interessierte Wissenschaften zu vereinen, sondern es geht um genau zwei Disziplinen, die zudem (zumindest im deutschsprachigen Raum) eine gemeinsame Geschichte haben, da sie beide aus der Germanistik hervorgehen, beziehungsweise heute gemeinsam die Germanistik bilden.

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