Freitag, 5. Juli 2013

Überarbeitendes Schreiben

Dass die Dinge, die wir zum Schreiben benutzen, Auswirkungen auf das Geschriebene haben, wissen wir spätestens seit der Etablierung der Medienwissenschaft(en). Rüdiger Campe und Martin Stingelin etwa beschäftigen sich mit »Schreibszenen«, das heißt mit den Körpertechniken, Hilfsmitteln und sprachlichen Herausforderungen, die in den Akten des Schreibens wirksam werden. Friedrich Kittler hat auf die Tragweite der Schreibmaschine aufmerksam gemacht und Markus Krajewski erzählte die Geschichte der Karteikarte.[1] In diesen Bereich der Wechselwirkung verschiedener Techniken und Dinge dürfte auch die Geschichte des Revidierens und Korrigierens gehören. In einem eben erschienenen Buch, das ich bisher nur aus einer Rezension des Bosten Globe kenne, untersucht Hannah Sullivan diese Phase des überarbeitenden Schreibens.[2]

Das Potential dieser Fragestellung dürften viele derjenigen kennen, die die Möglichkeiten der computerisierten Textverarbeitung zu exzessiven Überarbeitungen nutzen; diejenigen, die immer wieder Textteile umstellen und/oder neu schreiben – im Wissen darum, dass sich jede Änderung rückgängig machen lässt, so dass man jederzeit zu einem früheren Textzustand zurückkehren kann. Was auf den ersten Blick wie eine Erleichterung wirken mag, kann leicht zu einer Bürde werden, wenn die beweglichen Texte nicht fertig werden, sich nicht stillstellen lassen.

Der Einfluss des Überarbeitens auf die Texte bietet bei einer historischen Perspektive die Möglichkeit, über die Widerständigkeit des zu beschreibenden Materials nachzudenken, über Techniken der Flexibilisierung von Texten und auch über Ansprüche an eine rhetorische, sprachliche oder auch narrative Perfektionierung. So gibt es etwa in der Antike und im Mittelalter angesichts von Wachstafeln die Möglichkeit, Texte zu revidieren, bevor sie ihren Weg auf das Pergament (oder auf andere Materialien) finden. Zudem ist das auf Pergament Geschriebene im Zuge des Abschreibens einem Prozess der Revision unterworfen. Dieser Prozess verteilt sich freilich auf unterschiedliche Personen und überspannt mitunter längere Zeiträume. Die Einführung des Buchdrucks dürfte dann ganz neue Möglichkeit der Überarbeitung bieten, zumindest dann, wenn beim komplexen Druckprozess mit all seinen Beteiligten für den Verfasser noch die Möglichkeit bleibt, größere Änderungen vorzunehmen. Der Widerstand hat sich in einer solchem Umgebung wohl verschoben, vom Material hin zur Technologie und zur Arbeit, die notwendig ist, wenn ein einmal gesetzter Text noch verändert werden soll.


[1] Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1985. Markus Krajewski: Zettelwirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. (copyrights 4) Berlin 2002.
[2] Hannah Sullivan: The work of revision. Harvard 2013.

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