Donnerstag, 22. August 2013

Lese- und Schreibökonomie

Colin Robinson, der in einem Beitrag für den »Guardian« ein zwölfmonatiges Schreibmoratorium vorschlägt, um endlich wieder Zeit für konzentriertes Lesen zu finden, macht auf spannende ökonomische Verschiebungen aufmerksam. Während das moderne Verlagssystem darauf setzt, dass in aller Regel die Leserinnen und Leser für das, was sie lesen wollen, bezahlen, gibt es mittlerweile mehr und mehr Autoren, die mit ihrem Geld die Publikation ihrer Texte finanzieren (und eventuell auch einige »Creative-Writing-Kurse«). Das wohl prominenteste Beispiel, das auch Robinson anspricht, findet sich in den Wissenschaften; viele Verlage verfolgen eine Open-Access-Strategie, die darauf hinausläuft, dass der Verlag soviel verdient wie zuvor, die Leser die Artikel umsonst lesen können und die AutorInnen (beziehungsweise die Institutionen, in denen sie arbeiten) für die Publikation bezahlen.

Diese Entwicklung ist spannend – aber Robinson macht noch auf eine weitere Verschiebung aufmerksam: »Newt Gingrich's ›earning by learning‹ scheme, which launched in Georgia back in 1990, gave students two dollars for every book they read.« Würde sich dieses Modell der Lohnarbeit des Lesens durchsetzen, dann hätte sich das Kernelement der modernen Verlagsökonomie erledigt.

Ob das so kommen wird, sei dahingestellt. Interessanter wäre es vielleicht, darüber nachzudenken, ob es nicht in der Vergangenheit ähnliche Verschiebungen in der Lese- und Schreibökonomie gab. Ich denke etwa an Widmungsexemplare von Büchern, die vor allem in der Frühen Neuzeit beispielsweise an einflussreiche und mächtige Personen geschickt wurden, um deren Gunst (und gegebenenfalls Geld) zu erhalten. Für das Mittelalter könnte man an den klösterlichen Austausch von Büchern denken, wenn etwa das Kloster A ein Buch des Klosters B leihen wollte und dafür diesem Kloster ein eigenes Buch zur Verfügung stellte. Interessant wären vielleicht auch Briefe von LeserInnen an Autorinnen und Autoren. In diesem Fall kann es passieren, dass die »Fans« ein Buch lesen, für das sie bezahlt haben und dass sie dann einen Brief schreiben, für dessen Transport sie bezahlen, um den Buchautor dazu zu bringen, das vom Leser Geschriebene zu lesen und gegebenenfalls mit einem vom Autor bezahlten Brief zu beantworten...