Mittwoch, 25. September 2013

Begriffsliste: binär

Wenn man eine »Historische Textwissenschaft« entwerfen will, muss man irgendwie mit all den Begriffen zurechtkommen, die für ein solches wissenschaftliches Feld relevant sein könnten. Hierzu gehören: Schrift, Sprache, Text, Bild, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Literarizität, Oralität, Lesen, Schreiben, Textualität, Skripturalität, Druckkultur, Handschriftenkultur, Typographie, Chirographie, Buch, Brief, Handschrift, Manuskript, Textträger und so weiter. Ein erster Schritt, um mit einer solchen Liste umgehen zu können, könnte darin bestehen, die Binarismen (die Gegensatzpaare) zu rekonstruieren, die zum Teil bis heute verwendet werden, um über dieses Feld zu sprechen. Die wichtigsten Binarismen dürften (soweit ich sehe) folgende sein: Mündlichkeit/Schriftlichkeit, Lesen/Schreiben, Druckkultur/Handschriftenkultur sowie Text/Bild.

Mit Hilfe des Gegensatzpaares Mündlichkeit/Schriftlichkeit hat man beispielsweise versucht, Gesellschaften mit keiner oder kaum praktizierter Schriftlichkeit von den (späteren) Gesellschaften zu unterscheiden, in denen (in steigendem Maß) gelesen und geschrieben wird. Bei der Differenz von Lesen und Schreiben liegt der Fokus oft auf sozialgeschichtlichen Entwicklungen, auf Alphabetisierungsraten, Zugang zu Geschriebenem oder auch Veränderungen in der Lese- und Schreibfähigkeit. Die strikte Unterscheidung zwischen Durck- und Handschriftenkultur ist zwar in der neueren Forschung sehr umstritten, gehört aber zu den erfolgreichsten Gegensatzpaaren, was man etwa daran sehen kann, dass Johannes Gutenberg 1998 von Journalisten zum »Man of the Millenium« gewählt wurde. Die Text/Bild-Differenz lässt sich zwar mindestens bis in das Mittelalter zurückverfolgen, gehört aber zu den jüngeren Binarismen. Die Digitalisierung, die es ermöglicht, vormoderne Schriftzeugnisse als Bilder zu betrachten, dürfte hierbei eine wichtige Rolle gespielt haben.  

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