Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ernst Robert Curtius I

In seinem bekannten Buch »Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter«, das erstmals 1948 erschien, denkt Ernst Robert Curtius unter anderem über die (zu seiner Zeit) relativ neue Disziplin der »Literaturwissenschaft« nach. Diese, so Curtius, »will etwas anderes und Besseres sein als Literaturgeschichte (analog dem Verhältnis der ›Kunstwissenschaft‹ zur Kunstgeschichte)«.* Diese Äußerung aus der frühen Phase der Literaturwissenschaft ist nicht nur deshalb spannend, weil Curtius den unmittelbaren Vorläufer dieser jungen Disziplin benennt, sondern auch, weil er den Vergleich im Bereich der Kunst-Wissenschaften sucht. Wenn man nun davon ausgeht, dass eine Linie von der Kunstgeschichte über die Kunstwissenschaft zur Bildwissenschaft führt, dann ließe sich – ganz analog – auch eine Linie ziehen von der Literaturgeschichte, über die Literaturwissenschaft hin zur Textwissenschaft. Freilich bleiben zwei Probleme beziehungsweise Fragen: Wie passt die Philologie in dieses Schema? Und wie trennt man überhaupt zwischen Disziplinen, die sich auseinander entwickeln (wenn man überhaupt trennen will)?

* Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. 11. Aufl., Tübingen/Basel 1993, S. 21.