Mittwoch, 6. November 2013

Ernst Robert Curtius II

In meinem letzten Blogeintrag habe ich über Ernst Robert Curtius geschrieben und dessen Vergleich der Entwicklung der Literaturgeschichte zur Literaturwissenschaft mit der Tranformation der Kunstgeschichte in eine Kunstwissenschaft. Liest man etwas weiter, dann wird deutlich, dass Curtius das Buch und den Text weit höher gewichtet als Kunstwerke und deren Abbildungen. Bücher könne man jederzeit zur Hand nehmen, Kunstwerke müsse man besuchen (da sie durch Abbildungen nicht ersetzt werden könnten). Für die verstehende Lektüre von Texten brauche man die Philologie, »die ›Kunstwissenschaft‹« allerdings habes »es leichter. Sie arbeitet mit Bildern – und Lichtbildern. Da gibt es nichts Unverständliches.«*

Nun gibt es eine lange Tradition des Vergleichs von Bildern und Texten. Oft zitiert wird etwa die Aussage Gregors des Großen, der der Bilder als Literatur der Laien bezeichnete (»Pictura est litteratura laicorum«). Während diese Position den Bildern immerhin einen ganz bestimmten sozialen Ort zuweist und sie zu einer Art nachgeordneter Literatur erklärt, sind Überlegungen wie die von Curtius problematischer, weil sie starke Hierarchien einführen. Vielleicht sollte man versuchen, die Gemeinsamkeiten von Bild- und Textwissenschaft stärker hervorzuheben, indem man etwa die Bildlichkeit von Texten und die Textualität von Bildern betont – oder Text in Bildern und Bilder in Texten untersucht. 

* Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. 11. Aufl., Tübingen/Basel 1993, S. 24.