Montag, 7. Juli 2014

Personalisierung der Bildschirme

Am 24. Januar dieses Jahres hat Dirk von Gehlen in einem kurzen Feuilleton-Artikel auf das Start-up »Spritz« hingewiesen, das eine Revolution des Lesens verspricht. Statt der bisher grundlegenden Lesetechnik, bei der Auge (und mitunter der ganze Körper) den Buchstaben und Zeilen folgt, kann nun das Auge ruhen, während sich der Text – Wort für Wort – vorwärts bewegt. Wichtig dabei ist, dass die Worte so »spritzen«, dass sie möglichst leicht und schnell erkannt werden. Der Entwickler hinter Spritz, so erzählt Gehlen, hat »herausgefunden, dass der optimale Lesepunkt je nach Wortlänge an unterschiedlichen Stellen liegt«; entsprechend werden die einzelnen Worte nun im Anzeigefeld positioniert. Die Schlussfolgerung Gehlens ist weitreichend: Texte, die auf eine solche Art und Weise angezeigt werden, sind »nicht mehr von den Optionen des Trägermediums Papier geprägt«, sondern gehorchen »den Bedinungen des Digitalen«.

Was diesen Blog anbelangt, stellt sich nun die Frage, was wir anhand von »Spritz« über »Textualität« lernen können. Ein Punkt scheint mir entscheidend zu sein: Wenn bei »Spritz« ein Text nicht mehr aus Zeilen, Spalten und all den visuellen Mitteln des Layouts besteht, sondern nur noch aus einem Strom von Worten, bei dem jedes neue Wort alle vorherigen ablöst, dann gehen die Formen des »Layouts« verloren, die seit Jahrtausenden an und mit Geschriebenem entwickelt wurden. Insofern ist es vielleicht auch gar nicht so sinnvoll, wenn sich Gehlen auf die »Optionen des Trägermediums Papier« beruft, denn eine visuelle Gestaltung von Textualität ist nicht nur mit Pergament und Papier möglich, sondern ebenso mit tausend anderen Materialien – und auch mit Bildschirmen. Software wie »Spritz« bildet nicht das Gegenstück zum Papier, sondern hat viel mit dem Bildschirm zu tun, insbesondere mit der Personalisierung von Bildschirmen, die wir seit einigen Jahren erleben.


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