Dienstag, 30. Juni 2015

»Was ist eigentlich ein Buch?«

Dirk von Gehlen stellt in einem kurzen Beitrag ausdrücklich eine Frage, die in den Diskussionen rund um die sogenannten eBooks mehr oder weniger deutlich immer mitschwingt: »Was ist eigentlich ein Buch?« – und das ist eine gute Frage. Dass das, was da auf digitalen Lesegeräten angezeigt wird, ein Buch sein soll, ist wohl nur verständlich, solange man fest in einer Buchkultur verankert ist und solange auch viele der eBooks einfach nur ein digitaler Abklatsch der gedruckten Bücher sind. Man denkt sozusagen immer das gedruckte Buch mit, wenn man auf solche Weise Text liest; und dass die Lesegeräte eine mehr oder weniger ausgeprägte Ähnlichkeit mit gedruckten Büchern aufweisen, ist dabei sicherlich hilfreich. Dass dahinter eine lange und spannende Geschichte lauert, darauf verweist der erste Kommentar zu Dirk von Gehlens Artikel, in dem auf Ivan Illichs Buch »Im Weinberg des Textes« hingewiesen wird. [1] Dort steht Hugos von Sankt Viktor »Didascalicon« (aus dem frühen 12. Jahrhundert) im Zentrum, »das erste Buch«, so Illich, «das über die Kunst des Lesens geschrieben wurde« (13).

Illichs Überlegungen sind von Marshall McLuhan und dessen Nachdenken über die Gutenberg-Galaxis beeinflusst. Sein Thema beschreibt Illich folgendermaßen:

»Ich richte mein Augenmerk auf einen flüchtigen, aber dennoch sehr wichtigen Moment in der Geschichte des Alphabets: den Moment, als […] die Buchseite sich verwandelte; aus der Partitur für fromme Murmler wurde der optisch planmäßig gebaute Text für logisch Denkende.« (8)
 
Wenn Illich recht hat, dann ist die Veränderung, die er beschreibt, von ähnlicher Tragweite wie die Druck-Innovationen des Johannes Gutenberg. Und in beiden Fällen spielt die graphische Gestaltung der Buchseite und des gesamten Buches eine wichtige Rolle.

Damit wären wir dann auch schon wieder bei den heutigen eBook-Readern und den Formaten dieser Texte, die dazu führen, dass mehrere Jahrhunderte an typographischer Erfahrung und Kunst über Bord geworfen werden: Flattersatz, schlechte Worttrennung (wenn überhaupt), veränderbare Schriftgröße – all das ist mit guter Typographie nicht vereinbar. Aber die wachsende Zahl an eBook-Leserinnen und Leser scheint es nicht zu stören und es gibt ja, darauf weist Dirk von Gehlen hin, auch digitale Alternativen wie »spritz«, die sich vielleicht als Lesealternative anbieten – und die dann das traditionelle Buchlayout überflüssig machen. Wir werden sehen – hauptsache, wir geraden nicht in die »Standardsituationen der Technologiekritik«.

[1] Ivan Illich: Im Weinberg des Textes. Frankfurt am Main 1991.

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