Mittwoch, 13. Januar 2016

Textproduktionsunterricht

Der Deutschunterricht ist ein Gemischtwarenladen. Man liest (deutschsprachige) Literatur, beschäftigt sich mit Literaturgeschichte und sogenannten »Epochen«, man schreibt Aufsätze und Eröterungen und ähnliches, man lernt rhetorische Figuren kennen sowie grammatische Begriffe und Konzept. Schnittpunkte gibt es zum Fremdsprachenunterricht sowie zu Geschichts-, Kunst- und (in geringerem Maße) Musikunterricht. Diese Liste ist auch deshalb interessant, weil die Fächer recht unterschiedlich konzeptionalisiert sind. Während der Kunstunterricht sehr stark auf eigene Tätigkeit der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet ist, spielt dies im Musikunterricht eine weniger starke Rolle – und der Geschichtsunterricht schließlich ist frei von eigenem Tun; die Schülerinnen und Schüler reproduzieren lediglich Wissen und die geschichtlichen Einordnungen, die ihnen von den Schulbüchern und LehrerInnen vorgegeben werden. Warum es keinen klar abgegrenzten Unterricht der Musik- und Kunstgeschichte gibt, lässt sich zwar historisch, nicht aber systematisch erklären. Auch die Vielfalt des Deutschunterrichts hat historische Gründe. Aus systematischer Sicht spräche nichts dagegen, Literaturgeschichte separat zu unterrichten – und im Rahmen eines Literaturunterrichts Texte aus unterschiedlichen Epochen und Sprachräumen zu lesen. Würde man den Deutschunterricht derart zergliedern, könnte schließlich ein Fach übrigbreiben, in dem Schreiben unterrichtet wird, also die Fähigkeit, unterschiedliche Textformen für unterschiedliche Anlässe und Zielgruppen zu produzieren. Es ist immerhin nicht so ohne Weiteres verständlich, dass die Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht ständig malen, zeichnen und Skultpuren formen – im Deutschunterricht aber keine Gedichte schreiben.